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Der Rausch ist verflogen

Die Regierung Trudeau setzte auf besseren Schutz von Jugendlichen, Händler auf ein Boomgeschäft: In Kanada ruhten große Hoffnungen auf der Cannabis-Legalisierung. Bisher ist die Bilanz ernüchternd.


Von Alexander Sarovic

22.12.2019, 00:00 Uhr


Justin Trudeau: Kommt langsamer voran als erhofft

John Morris/ REUTERS


Justin Trudeau war die Genugtuung anzumerken. Sein Gesetz zur Legalisierung von Cannabis hatte die letzte Hürde im kanadischen Senat genommen, und der Regierungschef twitterte: "Es war zu einfach für unsere Kinder, Marihuana zu bekommen - und für Kriminelle, die Profite einzustreichen. Heute ändern wir das." Das war im Juni 2018. Trudeau hatte ein zentrales Versprechen seiner progressiven Wahlkampfagenda eingelöst.

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Seit Oktober 2018 dürfen erwachsene Kanadier Cannabis kaufen und konsumieren, auch wenn es nicht medizinischen Zwecken dient, sondern dem Genuss. Anbau und Verkauf sind zwar auch in mehreren US-Bundesstaaten legal und werden in Ländern wie den Niederlanden teilweise geduldet. Kanada aber ist die erste führende Industrienation der Erde, die Cannabis legalisiert hat - und nach Uruguay der zweite Staat weltweit.


Die Freigabe verläuft in mehreren Phasen: Der Verkauf von Cannabis-Pflanzen, Ölen und Samen wurde sofort erlaubt. Seit wenigen Tagen können Kanadier auch cannabishaltige Getränke und Lebensmittel legal erwerben.


Doch bei ihren Zielen kommt die Trudeau-Regierung langsamer voran als erhofft. Das gilt für die Kriminalitätsbekämpfung ebenso wie für die Bemühungen, Jugendliche von der Droge und von Dealern fernzuhalten, die oft auch gefährlichere Substanzen im Angebot haben.

Nicht einmal drei von zehn kanadischen Konsumenten bezogen im dritten Quartal 2019 ihr Cannabis ausschließlich aus legalen Quellen, wie das kanadische Statistikamt berichtet. Der Rest kauft weiter auf dem Schwarzmarkt. Bei vielen dieser Käufer dürfte es sich um Minderjährige handeln.


Auch für Anbauer, Händler und Investoren, die sich von der Legalisierung einen Boom versprachen, ist die Bilanz ernüchternd. Gerade einmal 908 Millionen kanadische Dollar (umgerechnet 620 Millionen Euro) gaben Kanadier laut der Statistikbehörde im ersten Jahr seit der Freigabe auf dem legalen Cannabis-Markt aus.


Zum Vergleich: Vor der Legalisierung schätzte die Regierung den Gesamtwert des Schwarzmarkts auf acht Milliarden kanadische Dollar. Der Börsenwert der sechs größten Marihuana-Unternehmen des Landes hat sich seit dem Inkrafttreten des "Cannabis Acts" halbiert.


Manche Experten ziehen Parallelen zum Platzen der Dotcom-Blase vor zwei Jahrzehnten: "Es war ein sehr schmerzhaftes Jahr", sagte Eric Kirzner von der Universität von Toronto der "New York Times". Marihuana sei zwar nicht die Tech-Industrie, aber es habe hier wie dort jede Menge Hype gegeben.


Anders als ihre Konkurrenten auf dem Schwarzmarkt zahlen legale Händler Steuern. Außerdem haben sie mit erheblichen bürokratischen Hürden zu kämpfen. Verkaufslizenzen sind teuer, ihr Erwerb mit teils langen Wartezeiten und aufwendigen Sicherheitschecks verbunden. Manche der zehn Provinzen, denen die genaue Ausgestaltung des "Cannabis Acts" obliegt, verbieten private Marihuana-Läden ganz; anderswo ist es nicht erlaubt, zu Hause Hanf anzubauen.


Die Folge: In ganz Kanada gibt es derzeit nur etwas mehr als 400 Cannabis-Läden. Kleinere Händler kritisieren, die Lizenzvergabe sei so teuer und aufwendig, dass große Konzerne praktisch bevorzugt würden.


All das macht es nicht nur schwer, die Nachfrage mit einem legalen Angebot zu stillen und so den Schwarzmarkt zu bekämpfen. Selbst bei langjährigen Befürwortern der Legalisierung steht Trudeau wegen der schleppenden Umsetzung in der Kritik.


Die Regierung setzt auf den Faktor Zeit, denn mittelfristig könnten sich die mit der Freigabe verbundenen Hoffnungen doch noch erfüllen. So will die Provinzregierung von British Columbia an der Westküste des Landes die Zahl der legalen Cannabis-Geschäfte verdoppeln und verstärkt gegen illegalen Verkauf vorgehen. Die Provinz Ontario im Osten will ihre bisherige Obergrenze für Verkaufslizenzen streichen. Händler und Investoren schließlich setzen auf "Cannabis 2.0". Die seit Kurzem legal erhältlichen Getränke und Lebensmittel sollen die Wende und endlich den erhofften Boom bringen.

Noch aber ist die Revolution ausgeblieben. Befürchtungen, die Legalisierung könnte aus Kanada eine Kiffer-Gesellschaft machen, haben sich laut Zahlen des Statistikamtes nicht bestätigt. Knapp 5,2 Millionen Kanadier - oder 17 Prozent der Gesamtbevölkerung - gaben zuletzt an, in den vergangenen Jahren Cannabis konsumiert zu haben. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum ist der Wert unverändert, mit einer Ausnahme: In der Altersgruppe der über 65-Jährigen gab es einen leichten Anstieg.


Quelle: www.spiegel.de